Masernausbruch in Berlin – Politik kritisiert Impfgegner

Der Artikel wurde übernommen aus KK-direkt (Krankenkassen direkt.de)

Gesundheitsminister Gröhe kritisiert Impfgegner

Mit gut 530 neuen Infektionsfällen seit Oktober 2014 hat der Masernausbruch in Berlin nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Soziales einen Höchststand erreicht. Ende Januar wurden demnach bis zu 82 Masernfälle pro Woche gemeldet. Anfang Februar sei die Zahl dann auf 39 gesunken, steige seitdem aber wieder an. Damit könne man vom größten Masernausbruch seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes im Jahr 2001 sprechen, hieß es. Der bisherige Spitzenwert wurde 2013 mit 493 Fällen erreicht.

Mangelnder Impfstatus gilt als Ursache

Insgesamt 144 Masern-Patienten mussten nach Angaben der Berliner Gesundheitsbehörde stationär behandelt werden. In 426 der insgesamt 530 Fällen sei dabei angegeben worden, dass kein Impfschutz bestehe. Mittlerweile haben die Berliner Gesundheitsbehörden verstärkt zur Überprüfung des Impfstatus aufgefordert. Insgesamt liege die Impfquote bei Berliner Schulkindern bei 95,9 Prozent für die erste Imfpung und bei 90,9 Prozent für die zweite Masernimpfung. Erst nach beiden Impfungen sei ein lebenslanger Schutz gegeben.


Masern


Masern sind eine hoch ansteckende Virus-Infektionskrankheit, die vor allem Kinder betrifft. Sie beginnt mit grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Schnupfen und Husten. Im weiteren Verlauf kommen die typischen roten Hautflecken, begleitet von Fieber und einen erheblich geschwächten Allgemeinzustand hinzu. In manchen Fällen können lebensbedrohliche Komplikationen wie Lungen- und Hirnentzündungen eintreten. In den meisten Ländern ist die Erkrankung meldepflichtig.


Politik kritisiert Impfgegner als irrational und egoistisch

Als „verantwortungslos“ hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) in der „Welt am Sonntag“ (WamS) die „irrationale Angstmacherei mancher Impfgegner“ bezeichnet. Wer seinem Kind den Impfschutz verweigere, gefährde nicht nur das eigene Kind, sondern auch andere. „Ich rate dringend dazu, den eigenen Impfstatus überprüfen zu lassen und die empfohlenen Impfungen nachzuholen“, sagte Gröhe. Diese seien sicher und würden von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Gesundheitspolitiker Jens Spahn (CDU) sagte der Zeitung, Impfverweigerer seien egoistisch, weil sie sich darauf verließen, dass andere zur Impfung gingen und dann schon nichts passiere. Einen Schritt weiter ging der SPD-Gesundheitsexperte und Fraktionsvize Karl Lauterbach: Wenn die Impfbereitschaft nicht steige, „muss eine Impfpflicht für Kleinkinder der nächste Schritt sein“. Für Grüne und Linke geht dies jedoch zu weit. „Impfskeptiker bringt man nicht durch Zwang zum Umdenken, sondern durch umfassende, unabhängige Beratung“, sagte Katja Dörner der WamS. Nach Ansicht von Harald Weinberg, Gesundheitsexperte der Linksfraktion, müsse weiter das Selbstbestimmungsrecht der Eltern gelten.


Impfpflicht in Deutschland


Eine Impfpflicht bestand in Deutschland zuletzt bis Mitte der 80er Jahre zur Pockenschutzimpfung für einzelne Personengruppen. Jedes Kind im Alter von einem und im Alter von zwölf Jahren musste gegen Pocken geimpft werden. Dabei berief man sich auf das Reichsimpfgesetz von 1874. Die Impfpflicht wurde seit den 1950er Jahren öffentlich diskutiert, weil sie nach Meinung der Kritiker gegen das verfassungrechtlich verankerte Persönlichkeitsrecht verstieß. Heute gibt es in Deutschland (wie auch in der Schweiz und Österreich) keine gesetzlich verankerte Impfpflicht, sondern nur Impfempfehlungen. Verpflichtende Impfungen gibt es dagegen z. B. in Ungarn (Masern), Frankreich (Tetanus, Poliomyelitis/Kinderlähmung, Diphtherie), Belgien (Poliomyelitis), Italien (Diphtherie, Tetanus, Poliomyelitis und Hepatitis B) sowie für bestimmte Personengruppen wie Soldaten der Bundeswehr (Tetanus) oder der US-Streitkräfte (Milzbrand).


Kinderärzte halten Impfpflicht für nicht durchsetzbar

Skeptisch einer Impfpflicht gegenüber äußerte sich auch der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann. Eine generelle Impfpflicht werde sich wegen der „Widerstände in der Bevölkerung nicht durchsetzen lassen“, sagte er der „Welt“. Sein Verband fordere jedoch, „dass alle Kinder beim Start in eine überwiegend staatlich finanzierte Kita oder Schule einen Impfnachweis vorweisen müssen.“ Könnten die Eltern eine Bescheinigung für die Masernimpfung nicht vorlegen, müssten sie an eine private Einrichtung verwiesen werden. Einer reinen Verpflichtung für Eltern zur Impfberatung erteilte Hartmann eine Absage. Dies sei „Augenwischerei“ und würde „die niedrigen Impfungsraten nicht wesentlich erhöhen, denn wir beraten bereits immer im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen zu den notwendigen Impfungen.“

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