Armutsrisiko späterer Rentnergenerationen unterschätzt

Die Böckler-Stiftung hat in einer Presseerklärung sich des Themas „Armut im Rentenalter“ erneut angenommen. In einer Stellungnahme, die wir nachstehend zur Kenntnis geben können auch die das Thema plastisch darstellende Grafiken aufgerufen werden. Die Aussagen treffen auch unsere Einschätzung des Problems.

06.01.2009

Armutsrisiko künftiger Rentner unterschätzt


Rentenpolitik der Bundesregierung stützt sich auf zu optimistische Prognosen

Die Bundesregierung stützt sich in der Rentenpolitik auf zu optimistische Prognosen. Das Armutsrisiko künftiger Rentner wird unterschätzt, der Alterssicherung fehlt ein klares Ziel. Zu diesem Schluss kommen Prof. Dr. Barbara Riedmüller und Michaela Willert von der Freien Universität Berlin, die in einem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Gutachten den Alterssicherungsbericht 2005 der Bundesregierung und die Studie Altersvorsorge in Deutschland (AVID)analysiert haben.

Beide Datenquellen hätten inhaltliche Lücken und basierten auf zum Teil problematischen Annahmen, stellen die Wissenschaftlerinnen fest. So enthalte beispielsweise der Alterssicherungsbericht keine Angaben zu Armut und Sozialhilfebezug von Rentnern. „Es wird ein eher positives Bild gezeichnet, selbst wenn es um die Bezieher von Kleinstrenten unter 250 Euro geht“, stellen Riedmüller und Willert fest. Prognosen für das künftige Rentenniveau berücksichtigten nicht, dass Arbeitslosigkeit und geringfügige Beschäftigung die Renten senken. „Die Berechnungsbasis bilden sehr lange Erwerbszeiten von 45 Jahren, die keine Arbeitslosigkeit beinhalten, eine 100-prozentige Abdeckung durch Riester-Vorsorge sowie eine weitere zusätzliche Privatrente“, schreiben die Expertinnen für Sozialpolitik. Solche Annahmen seien zu optimistisch und gingen an vielen realen Erwerbsbiographien vorbei. Denn es gelte: Wer schlecht verdient, ist in der Regel auch häufiger von Arbeitslosigkeit bedroht. Der Bericht biete „keine Grundlage für eine transparente Sozialpolitik“.

In Deutschland bekommen Geringverdiener im Alter weniger vom früheren Arbeitsentgelt als andere Rentner. Grund ist die Steuerpolitik. Diese Benachteiligung ist in den westlichen Industrieländern einmalig, belegt eine OECD-Studie. Auch in Zukunft wird sich daran wenig ändern, wie die Modellrechungen der Bundesregierung für das Jahr 2030 zeigen. Durchschnittsverdiener, die dann in Rente gehen, erhalten 72,6 Prozent ihres früheren Nettoeinkommens als Rente ausgezahlt. Wer nur zwei Drittel des Durchschnittseinkommens verdient hat, kommt nur auf ein Netto-Rentenniveau von 68,6 Prozent, Besserverdienende, die um ein Drittel über dem Durchschnittseinkommen lagen, erhalten hingegen 75,8 Prozent.

Die AVID-Studie klammere das Problem aus, es  fehlen Angaben zu den künftigen Lohnersatzquoten – „obwohl es das Studiendesign erlaubt hätte“, beobachten die Forscherinnen. Andere europäische Staaten diskutierten dagegen über eine Begünstigung von Niedrig­löhnern, so die Expertinnen. Der Schweizer Nationalrat schlägt vor, dass Geringverdiener im Alter 80 statt 60 Prozent des früheren Einkommens erhalten. Eine Kommission zur Reform der britischen Rente regte ein dreistufiges Modell an: Für Niedrigverdiener seien 80 Prozent des früheren Bruttolohns angemessen, für den mittleren Verdienst 67 Prozent, für Gutverdiener könnten 50 Prozent reichen.

Die EU-Kommission legt den Mitgliedsstaaten nahe, für „angemessene Renten“ zu sorgen. Die Rentenpolitik in Deutschland verzichte auf ein solches Ziel, bemängeln Riedmüller und Willert. Sie konzentriere sich auf die Begrenzung von Ausgaben und Beitragssatz. Die eigentliche Aufgabe der gesetzlichen Rente, Einkommensausfall im Alter abzusichern, sei aus dem Blick geraten. Ohne eine solche Zielsetzung hätten die Prognosen jedoch kaum Aussagekraft.

Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung
Dr. Erika Mezger
Abteilung Forschungsförderung
Tel.: 0211-7778-108
E-Mail: Erika-Mezger@boeckler.de

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